Erst schauen
Nayna hat Mechanik gelernt, ohne dass jemand sie ihr beigebracht hat. Ihr Vater reparierte LKWs auf der A109, der Straße, die Nairobi mit Mombasa verbindet, und sie setzte sich nach der Schule neben ihn. Sie fragte nicht. Sie bat nicht um Erklärungen. Sie blieb einfach da, reichte ihm Schlüssel bevor er sie verlangte, beobachtete wie die Hände ihres Vaters sich unter dem Fahrgestell bewegten.
Mit zehn konnte sie ein Dieselmotor von einem Benzinmotor allein am Anlassgeräusch unterscheiden. Sie hatte es nicht gelernt. Sie hatte es hunderte Male gehört, sitzend im Staub von Athi River, dem Ort südöstlich von Nairobi wo sie aufwuchs, mit dem Lärm der LKWs im Hintergrund und dem Geruch von Diesel, der in der heißen Nachmittagsluft hing. Ihre Mutter nähte in einer Textilfabrik. Ihre Großmutter Wanjiku verkaufte Chai an einem Blechstand neben dem Bahnhof Syokimau. Nayna saugte ungefiltert auf: Motoren, Stoffe, Kardamom, Straßenstaub.
Was sie in diesen Jahren lernte, war keine Mechanik. Es war eine Methode. Erst schauen. Zuhören. Lass die Maschine dir sagen was nicht stimmt, bevor du die Hand hineinlegst. Mit vierzehn überrollte ein Tanklastwagen ihren linken Fuß ihres Vaters. Er verlor ihn nicht, aber er konnte nicht mehr unter einem Fahrgestell arbeiten. Das Werkzeug lag still in einer Kiste. Nayna war fünfzehn, als sie anfing, es zum Reparieren von Fahrrädern im Viertel zu benutzen. Mit sechzehn, Boda-Boda-Motorräder. Die Fahrer dieser 125er-Motorradtaxis, die halb Nairobi in Bewegung halten, zahlten ihr in bar, manchmal in Naturalien: ein Helm, ein halber Tank Benzin, ein Teller Essen.







