Die Kopfhörer des Nachbarn
Um zu erklären, wie Bruno in Marseille hinter einem Mischpult gelandet ist, muss man in einen Wohnblock am Stadtrand von Montpellier, in den dritten Stock, wo ein Nachbar wohnte, der einmal DJ gewesen war. Bruno war vierzehn. Er hörte Musik durch die Decke — nicht das Lied, sondern eine Vibration, die durch die Rohre und Wände nach unten kam, als würde das ganze Gebäude atmen. Eines Tages ging er hinauf und klopfte. Der Nachbar lieh ihm ein Paar Sennheiser HD 25, die gleichen, die ernsthafte DJs benutzen, und Bruno setzte sie auf und hörte dasselbe Lied, das er seit Wochen durch den Beton gehört hatte.
Es war etwas anderes. Nicht die Melodie — der Raum. Der Abstand zwischen der Bassdrum und der Stimme. Die Luft innerhalb des Mixes.
Seit diesem Tag hörte er keine Lieder mehr, sondern Klänge. Der Nachbar zog um. Bruno hat die Kopfhörer nie zurückgegeben. Sie hängen an einem Nagel neben der Wohnungstür in Marseille. Sie klingen nicht mehr gut, aber sie hängen dort.
Vorher war Bruno schon Bruno. Als Kind war er derjenige, der auf dem Schulhof regungslos Insekten beobachtete, während die anderen Fußball spielten. Die Lehrer beschrieben ihn als „sehr ruhig, vielleicht zu ruhig". Er war nicht ausgegrenzt — er nahm einfach nicht teil. Mit acht Jahren entdeckte er, dass wenn er im Garten seiner Großmutter vollkommen still blieb, die Eidechsen auf seine Füße kletterten. Vierzig Minuten ohne sich zu bewegen (er sagt eine Stunde, wahrscheinlich übertreibt er). Zu verstehen, dass Regungslosigkeit keine Passivität ist, sondern eine Art, die Welt zu sich kommen zu lassen. Das war der erste wichtige Moment.
Sein Vater ging, als er vier war. Ohne Erklärung, ohne Drama. Eines Tages war er da, am nächsten nicht mehr. Seine Mutter, Grundschullehrerin, sprach nicht über das Thema. Bruno fragte nicht. Da ist eine Leere, und Bruno geht mit ihr um, wie er mit allen Leeren umgeht: er füllt sie nicht, er jagt ihr nicht nach.